Ein Jahr ohne Kinderbetreuung – Fluch oder Segen?

4. August 2019

Als wir angefangen haben im Freundes- und Bekanntenkreis von unseren Reiseplänen zu erzählen waren die Reaktionen eigentlich immer ziemlich ähnlich: Alle fanden es super. Haben uns um den Mut und die Entscheidung beneidet. Fanden es spannend zu hören, wie wir uns das alles vorstellen. Und alle waren sich sicher, dass es eine wahnsinnig tolle und aufregende Zeit für uns als Familie werden wird. Eine Reaktion ist mir allerdings ziemlich genau in Erinnerung geblieben. Die eine Mutter aus der Kita, die nicht in Euphorie über unsere Pläne ausgebrochen ist. Die als Antwort auf meine Erzählungen direkt meinte: Wow! Ein Jahr ohne Kinderbetreuung?? Das wäre nichts für mich.

Im ersten Moment habe ich es gar nicht so recht verstanden. Im zweiten Moment dachte ich, die spinnt! 

Unsere Freizeit verbringen wir eigentlich fast ausschließlich mit unseren Kindern. Nicht weil wir das müssen, sondern weil wir das gerne möchten. Bisher sind wir noch nie ohne unsere Kinder verreist oder so. Wir nehmen uns nur in seltenen Fällen einen Babysitter und machen eigentlich alles was geht gemeinsam. Die Zeit, in der wir arbeiten müssen, sind die Kinder in der Kita und die restliche Zeit bei uns. Von daher haben wir gar nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn das wegfällt. 

Die Vorstellung, ein Jahr Zeit zu haben, nur wie vier. Keine Arbeit, keine Kita, keine Verpflichtungen. Das ist doch Wahnsinn. Ein ganzes Jahr zusammen mit ihnen an den schönsten Flecken Europas. Gemeinsame Abenteuer erleben, die Welt entdecken und rund um die Uhr und live dabei zu sein wie die Kinder neue Erfahrungen machen, Eindrücke sammeln und dabei wachsen. Und das alles in der freien Natur. Was gibt es denn bitteschön Besseres?

Natürlich war mich auch bewusst, dass wir jetzt nicht ein ganzes Jahr lang nur Sonnenschein haben werden. Genauso wie zuhause wird es auch unterwegs Momente und vielleicht sogar Tage geben, an denen es anstrengend sein wird. Wenn wir lange Strecken fahren oder es mehrere Tage am Stück regnet. Wenn die Jungs auch einfach mal schlecht drauf oder auch krank sind. Das alles wird es auch auf unserer Reise geben, das ist klar. 

Ziemlich am Anfang hatten wir mal einen Moment mit Emil, in dem er meinte, wir würden über den Tag so wahnsinnig viel mit ihm meckern. Das hat uns beide zum Nachdenken gebracht, denn wir wollen auf keinen Fall Eltern sein, die den ganzen Tag nörgeln. Im Nachhinein glaube ich, mussten wir uns alle erst mal an die Situation gewöhnen. Nur wir vier über den Zeitraum eines normalen Urlaubs hinaus. Keine anderen Erwachsenen Bezugspersonen wie Großeltern oder Erzieher. Klar haben wir mehr gemeckert als in unserem Alltag in Hamburg. Aber jetzt sind wir eben auch einfach viel mehr Zeit zusammen. Da bleicht das Meckern ja nur an uns hängen.

Natürlich haben wir uns auch die Frage gestellt, ob die Kinder ihren Alltag im Kindergarten vermissen werden. Die Struktur, die Freunde und den Kontakt zu Gleichaltrigen. Können wir sie überhaupt annähernd so gut beschäftigen und fordern wie sie es von der Kita gewohnt sind?

Beide Jungs sind schon als sie ein Jahr alt waren in die Krippe gekommen. Das war zum Teil gezwungenermaßen, weil wir beide wieder arbeiten mussten, aber auch weil wir das Gefühl hatten, dass auch in dem Alter der Kontakt zu anderen Kindern total wichtig und gut war. Der letzte Kindergarten, in dem wir in Hamburg waren, war etwas ganz Besonderes. Eine relativ kleine Einrichtung mit Platz für ca. 60 Kinder nur zwei Minuten von unserer ehemaligen Wohnung entfernt. Anton war dort in der Krippe und Emil im Elementarbereich. Und beide sind irre gerne in den Kindergarten gegangen. Wir hatten eigentlich nie Theater oder Tränen, die Jungs waren einfach gerne dort und das hat man gemerkt. Der Abschied vom Kindergarten war sowohl für sie als auch für uns einer der schwersten. 
Natürlich haben wir uns auch die Frage gestellt, ob die Kinder ihren Alltag im Kindergarten vermissen werden. Die Struktur, die Freunde und den Kontakt zu Gleichaltrigen. Können wir sie überhaupt annähernd so gut beschäftigen und fordern wie sie es von der Kita gewohnt sind?

Ich sag mal so, eine Struktur haben wir auch – nur eben eine ganz andere. Wir schlafen alle relativ lange und bleiben meistens morgens noch gemütlich im Bett liegen. Alle Mahlzeiten gibt es draußen und auch so verbringen wir natürlich die meiste Zeit im Freien. Die Abende sind viel länger und mit dem Schlafengehen nehmen wir es auch nicht immer so ernst wie Zuhause. Alle paar Tage, kommt immer drauf an, wie wir gerade unterwegs sind, wechseln wir den Platz. Dann fahren wir ein paar Kilometer, machen meist noch einen Einkauf unterwegs und natürlich auch „Service“ am Wohnmobil. Also Frisch- und Grauwasser und Toilettenentsorgung.

An sozialen Kontakten mangelt es unterwegs auf jeden Fall nicht.

Wir lernen wirklich viele andere Leute kennen. Manchmal mit Kindern und manchmal ohne. Unsere Jungs freuen sich immer, wenn sie auf den Plätzen, auf denen wir stehen, jemanden treffen der deutsch spricht. Ob das jetzt Kinder oder Erwachsene sind, ist im ersten Moment egal. Kontaktscheu sind sie nicht, manchmal ein bisschen schüchtern, aber auch immer nur im ersten Moment. Emil fehlt ab und zu der Mut andere anzusprechen. Dann muss entweder einer von uns mitkommen oder er schickt seinen kleinen Bruder vor. Der ist, was das angeht, meistens ziemlich unerschrocken.

Für die Kinder finde ich das Leben, das wir gerade haben richtig schön. Aber manchmal merke ich schon auch, dass es doch an vielen Stellen eine Herausforderung für sie ist sich immer neuen Situationen und einem anderen Umfeld zu stellen. Jeder muss in einer neuen Gruppe immer erst mal seinen Platz finden. Und wenn sich dann eine gute Konstellation ergeben hat, droht schon bald der nächste Abschied, weil entweder wir oder die anderen weiterfahren. Letztendlich wachsen sie daran, werden offener und trauen sich schnell auch mehr zu. 

Gezwungenermaßen finden die beiden aber auch einen ganz anderen Draht zueinander, als es Zuhause der Fall war. Oft haben sie nur sich zum Spielen und ihr Verhältnis als Brüder wird unheimlich gestärkt. Irgendwann habe ich mal gelesen, Geschwister streiten sich im Schnitt sechsmal die Stunde, das sei ganz normal. So genau habe ich es jetzt noch nie mitgeschnitten, aber ich würde mal sagen, das kommt schon hin. Mal läuft es besser und mal weniger gut. Genauso wie zuhause ist der größte Feind die Langeweile. Solange sie beschäftigt und zufrieden sind, können sie total friedlich und lieb miteinander spielen.

Es gibt also durchaus Momente, in denen sehnen wir uns nach der Fremdbetreuung durch die Kita. Und ich glaube insgeheim, die Kinder auch. Trotzdem ist es unterm Strich sowohl für uns als auch für sie eine gute Erfahrung. Und man darf nie vergessen, dass die Zeit auch wirklich begrenzt ist. Irgendwann haben sie nicht mal mehr Lust mehr mit uns in den Urlaub zu fahren und dann werden wir ihr Genörgel und Gejammer ganz sicher vermissen. 

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